Helmut-Kutin-PreisträgerInnen 2015

Merlina Sabela aus Tacloban

An einem kalten und regnerischen Tag im November 2013 stand Merlina Sabela wie gewöhnlich um 5 Uhr auf, um Frühstück für ihre neun Kinder vorzubereiten. Zwei Stunden später saßen sie zusammengekauert im Plafond ihres Hauses, während der Taifun Yolanda wütete und eindringendes Regenwasser alle Zimmer unter ihnen überflutete.

Nanay Merlina, wie sie liebevoll genannt wird, hat mit ihren eigenen Händen das Fluchtloch im Plafond gebaut. Das Engagement Merlinas und die Liebe zu ihren Kindern gehen jedoch weit über ihr mutiges Verhalten während des Taifuns hinaus. Dies war nur ein Beispiel des Wirkens der ehemaligen Tageshortlehrerin, die während ihrer 16-jährigen Tätigkeit im SOS-Kinderdorf Tacloban auf den Phillipinen 21 Kinder großgezogen hat.

Während der Sturm tobte und die Regenfluten vom Himmel strömten, tröstete Merlina ihre Kinder und betete mit ihnen. Als der Regen schließlich aufhörte, verließ sie zuerst mit ihrem ältesten Sohn Nestor das Schlupfloch, um sicherzustellen, dass auch die Kleinen unversehrt herunterkommen konnten. Als ihre Kinder ohne sie abreisen mussten, um vorläufigen Schutz im SOS-Kinderdorf Calbayog zu finden, brach es Merlina fast das Herz. Der tiefe Kummer spornte sie umso mehr an, hart zu arbeiten, um das Haus zu reinigen und zu reparieren.

Es war keine Überraschung, dass ihr Haus als erstes fertig war – bereit für die Rückkehr ihrer Kinder. Merlina half ihnen, ihre traumatischen Erfahrungen durch liebevolle individuelle Betreuung und Gespräche zu überwinden und in ein normales Leben zurück zu finden. Intensive Aufmerksamkeit schenkte sie dabei Chloe, einem jüngeren Mädchen, das von der Katastrophe besonders betroffen war.  

Abebech Kibret aus Addis Abeba

16 Jahre lang hatte Abebech Kibret bereits für die Kinder und MitarbeiterInnen des SOS-Kinderdorfs Addis Abeba als Köchin gearbeitet. Sie träumte jedoch davon, mehr für die jungen Menschen tun zu können, die sie sehr gern hatten. Dieser Traum erfüllte sich 2002, als sie offiziell zur SOS-Tante ernannt wurde.

"Hurra! Tante Abebech kommt zu uns!” hört man die Kinder rufen, wann immer Abebech die Vertretung für deren Mütter übernimmt. Es gibt viele Gründe, warum Abebech oder Abi, wie sie liebevoll genannt wird, die Lieblingstante der Kinder ist. Sie findet Zeit, mit ihnen zu spielen, ihnen zuzuhören, und versteht ihre Probleme. “Durch Abebechs liebevolle Art fühlen sich die Kinder und Jugendlichen umsorgt und beschützt” - so wird die gegenseitige Liebe und der Respekt zwischen ihr und den jungen Leuten beschrieben. Sie macht keine Unterschiede zwischen ihrer SOS-Kinderdorffamilie und ihrer leiblichen Familie. Das beweisen die regelmäßigen Anrufe und Besuche von ehemaligen SOS-Kinderdorfkindern, für die sie noch immer eine Mutterfigur darstellt. Abebech unterrichtet auch junge Mütter darin, ihre Babys richtig zu versorgen und bringt ihnen die Mutterrolle der äthiopischen Kultur näher. Da die Kinder und Jugendlichen ihre Probleme mit Abebech teilen, ist sie ihre Stimme in schwierigen Situationen. Die Geschichte von Saba illustriert dies.

Saba hatte sich verliebt und entschied sich, trotz ihres sehr jungen Alters zu heiraten. Sie brach die Schule ab und legte ein derart schlechtes Verhalten an den Tag, dass die SOS-Kinderdorfleitung über disziplinäre Schritte nachdachte. Abebech griff ein und konnte Saba überzeugen, ihre Ausbildung fortzusetzen. Sie bestand auch darauf, dass man Saba eine zweite Chance gab. Saba hat die Schule abgeschlossen und eine Ausbildung als Kindergärtnerin begonnen. Sie unterrichtet jetzt an einer Privatschule.  

Isaac Adowk aus Malakal

Bewaffnete Soldaten, ein krokodilverseuchter Fluss, Granatenfeuer und eine 200 km lange Flucht, größtenteils zu Fuß… Dies waren nur einige der unglaublichen Herausforderungen, denen Isaac Adowk (28) mutig die Stirn bot, um 33 Kinder des SOS-Kinderdorfs Malakal im südlichen Sudan zu retten.

Isaac war Jugendführer in Malakal, als die Kämpfe zwischen Anti-Regierungs-Kräften und Pro-Regierungs-Truppen im Dezember 2013 ausbrachen. Mitte Februar 2014 nutzte Isaac eine Kampfpause und brachte 41 Kinder, Jugendliche, Mütter und Tanten zur Mission der Vereinten Nationen im südlichen Sudan. Wieder aufflackernde Kämpfe machten jedoch ein weiteres Evakuieren unmöglich. Während der schweren Kämpfe am 18. Februar 2014 wurden Isaac und 33 Kinder vom Rest des Dorfes getrennt. Sie wurden gezwungen, schwimmend und mit kleinen Booten über den Nil zu fliehen. Einige Kinder und Jugendliche wurden von Verwandten aufgenommen. 23 Kinder jedoch, von denen das jüngste zwei Jahre alt war, blieben unter der Obhut von Isaac. Während der weiteren Flucht musste Isaac sich um Essen und sichere Schlafplätze kümmern, was sich natürlich sehr schwierig gestaltete.

Die Gruppe war größten Gefahren ausgesetzt – Tod, Verwundung, Vergewaltigung oder Rekrutierung der Jungen durch Streitkräfte. Nach mehr als zwei Wochen nach ihrem Aufbruch erreichte die Gruppe unversehrt die kleine Stadt Palouch, wo sie ins neue SOS-Notfall-Kinderdorf in Juba gebracht wurde.

Bereits vor den Konflikten konnte Isaac hervorragende Führungsqualitäten beweisen. Er unterstützte die SOS-Dorfmütter in ihren Häusern, half jungen Leuten beim Übergang in die Jugendeinrichtungen und übernahm auch manchmal Aufgaben eines Dorfleiters. Er wird von den Jugendlichen respektiert, die seinem Rat und seiner Leitung folgen.

 

Wir gratulieren den Preisträgerinnen!