Hermann-Gmeiner-Tag 2010

eine inhaltliche Zusammenschau

"Das globale Dorf. Was Menschen darin brauchen und wie wir dem begegnen"


Helmut Kutin - Präsident von SOS-Kinderdorf International und SOS-Kinderdorf Österreich
Helmut Kutin

Helmut Kutin, Präsident von SOS-Kinderdorf, begrüßt die TeilnehmerInnen am Hermann-Gmeiner-Tag und freut sich über die rege Beteiligung eingeladener Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Welthaus der Caritas, Südwind Tirol, Kindern eine Chance, Ekando Kumer, Amnensty International, die Universität Innsbruck sowie das MCI Innsbruck.
Seiner Auffassung nach sei es eine besondere Verantwortung der privaten Träger weitere Impulse in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zu setzen und damit nachhaltig zu einer Verbesserung der Lebensbedingungen für Millionen Menschen beizutragen. Unter diesen Anführungszeichen wünscht er der Veranstaltung spannende Beiträge und einen interessanten inhaltlichen Ertrag. 
 

 

Andreas Exenberger - Andreas Exenberger, Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte - Universität Innsbruck
A. Exenberger

Key Note Andreas Exenberger, Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte
Andreas Exenberger führt die TeilnehmerInnen hinein in das globale Dorf mit seinen Bedürfnislagen. Er bringt dazu viele Beispiele aus Unser kleines Dorf. Eine Welt mit 100 Menschen; Josef Nussbaumer, Andreas Exenberger und Stefan Neuner, IMT-Verlag Kufstein, 2.Auflage von 2010


 

Wussten Sie etwa, dass 20 von 100 Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, 17 von ihnen permanent unternährt sind und 45 von ihnen keinen ausreichenden Zugang zu sanitärer Versorgung haben?
Oder dass (andere) 12 von ihnen 61% aller weltweit produzierten Güter verbrauchen?

Eine nüchterne Bestandsaufnahme, die nachdenklich macht.
 

Carola Bielfeldt - Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck
C. Bielfeldt

Key Note Carola Bielfeldt, Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck
Die einleitenden Erhebungen von Andreas Exenberger und seinen Ko-Autoren zeichnen für Carola Bielfeldt ein ebenso klares Bild der Ernüchterung: es sieht schlecht aus im globalen Dorf und für die Menschen, die darin wohnen. Ungleiche Ressourcenverteilung und ungleiche Gerechtigkeits-konzepte der Mächtigen und Machtlosen zeigen einmal mehr Fehlentwicklungen im globalen Dorf auf.


Und Carola Bielfeldt fragt kritisch nach, wie die Vielzahl national und international tätiger Anbieter von Programmen in der Entwicklungszusammenarbeit das Konzept der Mildtätigkeit überwinden können, wirken sie doch ansonsten als eingebettet in das derzeit bestimmende ökonomische und politische System direkt oder indirekt systemerhaltend.
 

Den inhaltlich einführenden Key Notes folgen Kurzbeiträge aus weiteren Organisationsperspektiven.
 

Mario Thaler - Ärzte ohne Grenzen
M. Thaler

Mario Thaler betont für Ärzte ohne Grenzen, die besondere Herausforderung, als Ersthelferorganisation den Bogen zur Nachhaltigkeit zu spannen und dass es wichtig sei mit anderen Organisationen und deren Kernkompetenzen für bessere Abstimmungen und Kooperationen zu sorgen.

Andrä Stigger - Welthaus der Caritas
A. Stigger

Andrä Stigger, Welthaus der Caritas, spricht Klischees und Stereotypien des Verhältnisses von Nord-Süd an und sieht in langfristiger Aufklärungs- und Bildungsarbeit Chancen ein differenziertes Bild über die Herausforderungen in der Entwicklungszusammenarbeit in die Öffentlichkeit zu bringen.

Ines Zanella - Südwind Tirol
I. Zanella

Ines Zanella knüpft aus der Südwind-Perspektive an und erläutert eine der Kernaufgaben ihrer Organisation, nämlich entwicklungspolitische Aufklärungs- und Bildungsarbeit in Österreich, um den Menschen ein realistisches Bild von Verhältnissen vor Ort zu vermitteln und damit zur Bildung eines kritischeren Bewusstseins für die Bedürfnislagen in der Welt beizutragen.

Gudrun Hagen für Ekando Kumer ist zwar gesundheitsbedingt verhindert; ihr Beitrag, welcher auf die besonderen Herausforderungen der Verbesserung von Lebensbedingungen im Sudan fokussiert, wird vorgetragen.

 

Stefan Pfleger - Kindern eine Chance
S. Pleger
Stefan Pleger für die junge Organisation Kindern eine Chance berichtet ganz konkret über den Aufbau und erste Erfolge seines Dienstleistungsprogrammes in Uganda.






Hetty Saes - Management Center Innsbruck
H. Saes

Hetty Saes, MCI Innsbruck, und auch Ko-Moderatorin in dieser Veranstaltung, zeigt sich beeindruckt von den Beiträgen und betont wie wichtig es für die AusbildnerInnen im Berufsfeld der Entwicklungszusammenarbeit sei, ihre Aus- und Fortbildungsprogramme an den realen Bedürfnislagen von Betroffenen entlang zu entwickeln.

Im anschließenden ‚World Cafe’ sind alle TeilnehmerInnen eingeladen, die in den Key Notes respektive der weiteren Kurzbeiträge angerissenen Themenstränge zu vertiefen. Hier der Spiegel des Themenmenüs:

  • Entwicklungszusammenarbeit in 10 Jahren wird so aussehen, dass ...
  • Nachhaltig wirksam in der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) ist, wer ...
  • Wie kann Wirksamkeit in der EZA gemessen werden?
  • Was müsste sich in der EZA ändern, damit sich was ändert?
  • Gibt es eine Gefahr bei der Einbindung von Non Governmental Organizations (NGOs) in Ökonomie und Politik?
  • Das „Dörfliche“ – Gegenkonzept in einer globalisierten Welt?
  • Aus den Beiträgen des heutigen Morgens regt uns besonders zum Nachdenken an …
  • Darüber sollten wir reden: … 

Aus diesen Themenvorschlägen wählen die TeilnehmerInnen frei das für sie spannendste und finden sich in entspannter Atmosphäre zu Diskussionsgruppen. Wichtig ist der inhaltliche Austausch am Tisch und eine zusammenfassende Botschaft, welche nach dem Austausch im World Cafe im Plenum nochmals für alle TeilnehmerInnen sichtbar gemacht wird.
 

Hier eine Auswahl dieser Botschaften:


Zu ‚Nachhaltig wirksam in der Entwicklungszusammenarbeit ist, wer…’ wird die Wichtigkeit der Integration der lokalen Bevölkerung bereits im Planungsstadium von Entwicklungszusammenarbeit festgehalten.
Ein wesentliches Kriterium für ‚Nachhaltigkeit’ sei, dass begonnene Projekte und Initiativen in Vor-Ort-Verantwortung gelegt werde, um erfolgreich weitergetragen werden zu können und sich die jeweils beteiligte Hilfsorganisation zurückzieht. Dabei spiele der Zeitfaktor eine wichtige Rolle – grundsätzlich sei eine möglichst frühe, eigenverantwortliche Weiterführung von gemeinsam ins Leben gerufenen Programmen durch lokale Verantwortungsträger wünschenswert.

Eine besondere Herausforderung bleibe die Abstimmung/ Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern – sprich: die Balance zwischen einem hohen Maß an Unabhängigkeit/ Selbständigkeit und notwendigen Abstimmungen mit der Politik.

Zur Frage ‚Wie kann Wirksamkeit in der Entwicklungszusammenarbeit gemessen werden?’ wird festgehalten, dass die Definition von Wirksamkeit in der Entwicklungszusammenarbeit überhaupt erst erarbeitet werden müsse. Gleichzeitig wird ebenso festgehalten, dass der sogenannte NGO-Sektor nicht um eine Definitionsleistung ‚herumkomme’ auch wenn die Messung von Verbesserung von Lebensbedingungen, einem würdigen oder einem würdigen und glücklichen Leben problematisch sei, da es sich immer um eine Mischung von ‚objektiven’ und subjektiven Faktoren handle.

Als ‚Überbrückungsideen’ bis zu einer klareren Bestimmung werden als wichtig erkannt: eine regelmäßige, kritische Reflexion von Projektfortschritten im Verhältnis zu vorher definierten Zielen für ein bestimmtes Projekt.

Zu Diskussionsangebot ‚Was müsste sich ändern in der EZA, damit sich ‘was ändert’ wird moniert, dass die ‚Reichen 12’ ihre Bemühungen auf die Veränderung von Strukturen der Ausbeutung richten müssen. Damit wird auch besonders betont, dass der Angelpunkt für Veränderung in den reichen Industrienationen liege; dies sei gleichzeitig jedoch keine unmittelbare Ablöseleistung für wichtige Not- bzw. langfristige Entwicklungszusammen-arbeitsprogramme.

Entwicklungszusammenarbeit, welche dem Erhalt der kolonialen Strukturen diene, verspiele ihren Nutzen für die notleidende Bevölkerung (auch in Anlehnung an Albert Heise, Journalist und Publizist aus Deutschland, und sein Thesenpapier). Auf Afrika bezogen sei die Vision in der Bildung von vier, fünf großen Völkergemeinschaften zu sehen, welche nach dem Muster der EU ihre Sozial- und Wirtschaftspolitik gestalten (auch in Anlehnung an Albert Heise und sein Thesenpapier)

‚Aus den Beiträgen des heutigen Morgens regt uns insbesondere zum Nachdenken an’ bietet eine Vielfalt an Botschaften für die zukünftige EZA – zum Beispiel, dass die Überflutung von Informationen und Promotion-Botschaften auch zu einer Abstumpfung bei den Zielgruppen führe und dass Zielgruppen auch überfordert würden durch die Vielfalt an Organisationen im Feld der EZA. Der sog. unique selling factor einzelner Organisationen würde immer mehr verschwimmen. Umso mehr gewinne die Marke und das Logo von Anbietern an Bedeutung. Es sei jedenfalls wichtig, über breite Aufklärung der Bevölkerung und dem Druck der daraus erwachse schließlich zu gemeinsam abgestimmten EZA Initiativen auf globaler Ebene zu kommen.

Brainstormings zu ‚Darüber sollten wir reden’  führen zu Botschaften wie:

  • höhere Eigenverantwortlichkeit der Bedarfsländer
  • höhere Verteilungsgerechtigkeit auf die Ressourcen bezogen
  • Bewußtseinsförderung zur EZA bereits in den Schulen
  • Förderung des Respekts für Verschiedenheit in Werten, Haltungen …
  • Bewusstsein darüber, dass jegliche Veränderung in der EZA ein langer Weg ist
  • Förderung einer klareren, weniger verschleiernden Sprache in der EZA
  • Armutsgefährdungen in Europa dürfen nicht übersehen werden
 
Richard Pichler - Generalsekretär von SOS-Kinderdorf International
R. Pichler

Der Generalsekretär von SOS-Kinderdorf International, Richard Pichler, betont in seinen die Veranstaltung abschließenden Worten wie wichtig es ist, weiterführende Perspektiven für die internationale Entwicklungszusammenarbeit zu entwickeln und freut sich über die gelungene Veranstaltung, zu der viele Organisationen in sehr partnerschaftlicher Form beigetragen haben.

Wir überlegen, wie wir das Thema weiterführend bearbeiten können; Vorschläge dazu sind sehr willkommen unter
christian.honold@sos-kd.org


Es sei noch darauf hingewiesen, dass wir an einem kurzen Videoschnitt zur Veranstaltung arbeiten, der einen atmosphärischen Eindruck vom Hermann-Gmeiner-Tag 2010 vermitteln soll.

 

Fotos: A. Gabriel