Die SOS-Kinderdorf Wurzeln in der Pfarre Mariahilf

Eine besondere Geschichte

„In unserem Pfarrhaus begann im Februar 1947 das weltweite Sozialwerk der SOS-Kinderdörfer in einem Gespräch des Gründers Hermann Gmeiner, der damals Pfarrjugendführer in Mariahilf war, mit Pfarrer Msgr. Josef Danler und Kaplan Simon Mayr.“ Diese Gedenktafel an der Pfarrkirche Mariahilf erinnert daran, dass die SOS-Kinderdorf-Idee sehr eng mit dem Pfarrleben in Mariahilf verflochten war und ist.

 

Hermann Gmeiner mit Jugendlichen im Gespräch
Hermann Gmeiner mit Jugendlichen im Gespräch (Dokumentation SOS-Kinderdorf)

Hermann Gmeiner, Gründer des SOS-Kinderdorfs, wurde am 23. Juni 1919 in Alberschwende, Vorarlberg, geboren. Er kam als fünftes von neun Kindern von Angelika und Hermann Gmeiner zur Welt, seine Mutter starb nach der Geburt des neunten Kindes. Die Betreuung der Großfamilie übernahm in der Folge die damals 16jährige Schwester Elsa. Gmeiners Kindheit und sein weiteres Leben wurden dadurch wesentlich beeinflusst, waren vermutlich die Initialzündung für die spätere Gründung von SOS-Kinderdorf. Die Idee entstand aus der Grundsehnsucht des Kindes, trotz des frühen,  traumatischen Verlustes der Mutter in einer „Ersatzfamilie“ eine neue Beheimatung und Geborgenheit erfahren zu haben.



 


Hermann Gmeiner zog es nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg eigentlich als Medizinstudent an die Universität Innsbruck. Bald  aber sollte er der Jugendarbeit den Vorrang geben.
 

Er befasste sich schon als Student mit der Gründung einer Gesellschaft, eines Sozialwerkes, das sich mit der Notlage von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen sollte. Über dieses Vorhaben führte er viele Gespräche und Diskussionen mit Freunden und Studienkollegen. 
 

Hermann Gmeiner mag der Vorschlag von Simon Mayr, Kaplan der Pfarre Mariahilf, sehr entgegen gekommen sein, in der Pfarrjugend mitzuarbeiten. Der Kaplan kannte Gmeiner von seinen häufigen Kirchbesuchen in der Pfarrkirche Mariahilf.  Gmeiner nahm den Vorschlag mit Freude an und widmete sich sogleich mit großen Eifer und Einsatz der Pfarrjugend Mariahilf. Bald fasste er den Entschluss, seine Jugendarbeit auszudehnen und vor allem vermehrt auf die Probleme der Jugend der Nachkriegszeit einzugehen. Er warb mit seinen Pfarr-Jugendlichen um Neuzugänge. Die Hälfte dieser Jugendlichen waren Heimzöglinge, die altersbedingt der öffentlichen Fürsorge entwachsen waren. Es handelte sich um Not leidende junge Menschen, die durch Innsbruck streunten. In kürzester Zeit gelang es Gmeiner, eine Gruppe von 20 bis 30 Burschen aufzustellen. Rasch erkannte er, dass es daneben für junge Menschen wichtig war, sie ihre Kindheit nachholen zu lassen: Vertrauen in sich selbst und andere zu entwickeln, um im Leben gut Fuß fassen zu können. Gemeinsam unternahmen sie Ausflüge und Skitouren, daneben wurde der von der Pfarre Mariahilf zur Verfügung gestellte Kellerraum gemeinsam wohnlich gestaltet und mit einem Tischtennis- und Billardtisch ausgestattet. Wichtig in der damaligen Nachkriegszeit war es auch, dass Gmeiner Essen für die Jugendlichen auftreiben konnte. 
 

Hermann Gmeiner widmete sich nun voll und ganz der Jugendarbeit in Mariahilf, dabei kam sein Studium sicher zu kurz. Hermann Gmeiner persönlich berichtete Herrn Dr. Erwin Steinmaurer folgende Begebenheit: Der Vater von Erwin Steinmaurer, Prof. Dr. Rudolf Steinmaurer, war Ordinarius am Physikalischen Institut der Universität Innsbruck. Hermann Gmeiner musste bei Prof. Steinmaurer sein Physik-Rigorosum bestehen, was aber nicht so ganz klappen wollte. Steinmaurer suchte daraufhin das Gespräch mit seinem Studenten und erklärte ihm, dass es „so nicht mehr weiter gehe“. Stellte ihm aber gleichzeitig die Frage, „ob ihn neben der Medizin nicht auch ein anderer Bereich interessieren würde“ und so seinem Leben eine andere Richtung geben könnte. Für Hermann Gmeiner soll dies nach eigener Aussage ein letzter Anstoß gewesen sein, das Medizinstudium zu Gunsten seiner Idee für ein Sozialwerk aufzugeben.
 

Seine große Beliebtheit bei den Jugendlichen, aber vor allem seine Erfolge in der Jugendarbeit, hatten einen Antrag auf hauptamtliche Bestellung Hermann Gmeiners als Dekanatsjugendführer von Innsbruck zur Folge. Im März 1948 trat er dieses Amt an. Diesbezüglich schrieb Hermann Gmeiner im selben Jahr: „Ich werde nun opfern und arbeiten. Ich werde Tag und Nach arbeiten und beten“. Und dies war wohl auch notwendig, denn schon gleich zu Beginn wurde er mit umfangreicher Organisationsarbeit betraut: Es galt den Bekenntnistag der katholischen Jugend im Mai vorzubereiten. Der Jugendtag am 23. Mai 1948 war ein großer Erfolg. Statt der erwarteten 2.000 Jugendlichen sollen über 5.000 mitgefeiert haben.
 

Trotz dieses Erfolgs und des Mehraufwandes an Organisationsarbeit als Dekanatsjugendführer, vergaß Gmeiner nicht auf seine Jugendgruppe in Mariahilf, die er auch während dieser Zeit weiter betreute.

Diese Jugendgruppe war es dann auch, die Hermann Gmeiner 1949 bei der Gründung des ersten SOS-Kinderdorfes in Imst unterstützte.
 

Vorher fand aber am 25. April 1949 die Gründungsversammlung des von Gmeiner  initiierten Vereines „Societas Socialis (SOS)“, wie der Verein „SOS-Kinderdorf“ bei seiner Entstehung hieß, im Jugendreferat der Landesregierung in der Innsbrucker Hofburg statt. Es galt nun, die Werbung von Vereinsmitgliedern und das Organisieren von Spenden für ihre sozialen Vorhaben voranzutreiben. Die Pfarrjugend aus Mariahilf sammelte 600 Schilling für das erste SOS-Kinderdorf in Imst und unterstützte so die Arbeit des neugegründeten Vereines tatkräftig.
 

Daneben erhielt Hermann Gmeiner zusätzlich wichtigen Beistand von Pfarrer Msgr. Josef Danler, der sowohl im Ehrenpräsidium von SOS als auch in der „Dorfkommission“ vertreten war.

SOS-Kinderdorf ist heuer 63 Jahre alt. Die Vision begann aber bereits 1947, also vor 65 Jahren, über die Jugendarbeit Hermann Gmeiners in der Pfarre Mariahilf zu reifen.  

 

Von Eveline Erlsbacher und Gertraud Zeindl
SOS-Kinderdorf Hermann-Gmeiner-Akademie