Wieso eigentlich beWEGen?

Im Wort „beWEGen“ steckt der Weg, die Bewegung, das Bewegen, bewegt werden, sich bewegen lassen. Auch (sich) weg bewegen gleichbedeutend mit dem Wort „migrare“ = wandern.

 

Wieso eigentlich beWEGen - SOS-Kinderdorf Hermann-Gmeiner-Akademie
Foto: SOS-Archiv
Mit diesen Wortspielen nähern wir uns unserem Zugang zu Interkulturalität, der von einem Blick auf das Potential von Verschiedenheiten geprägt ist. Wir beginnen unsere Definition mit dem einfacheren Teil des Begriffs: „inter“ bedeutet „zwischen“ und bezieht sich auf die Beziehung zwischen Menschen.

Bei interkulturellen Begegnungen entsteht also etwas Neues, das weder ganz das eine oder ganz das andere ist: Im Idealfall bewegen wir uns in einen neuen Raum.

 


 

Was aber heißt Kultur?


Der Kulturbegriff wird im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs gegensätzlich diskutiert. Wir verstehen unter Kultur vom Menschen geschaffene Leistungen. Kultur ist dynamisch und verändert sich laufend. Wie Kultur gelebt und erlebt wird, hängt vom einzelnen Menschen ab. Kulturen sind in ihrem Aufbau nicht einheitlich, sondern aus Verschiedenartigem zusammengesetzt. Kultur ist erlernt und nicht genetisch veranlagt. Sie gibt sozial verbindliche Normen und Regeln vor, die es der/m Einzelnen erleichtern sollen, sich in einer sozialen Gruppe zu orientieren. Verschiedene Menschen interpretieren und modifizieren kulturelle Vorgaben auf ihre persönliche Art.


Foto: W. Gleirscher
Unser Fokus liegt dementsprechend auf der Vielfalt – dem "Reichtum" von Kulturen und ihren KulturträgerInnen, den Menschen. Wir legen unser Hauptaugenmerk auf die Einmaligkeit und Einzigartigkeit von Personen, nicht auf nationalstaatliche Grenzen. (Wir Österreicher, die Deutschen, die Russen, die Chinesen …). Nationalstaaten sind von Menschen gezogene Kategorisierungen.

Menschen können aber auch entlang anderer (Grenz)Linien gemeinsame oder trennende Erfahrungen machen: z.B. durch Geschlecht, Behinderung, sexuelle Ausrichtung, Erwerbstätigkeit/ Erwerbslosigkeit, deklassiert/privilegiert sein.

In meinem Alltag als Mitarbeiterin der Hermann-Gmeiner-Akademie könnte ich z.B. mehr Gemeinsamkeiten mit einer asiatischen Pädagogin meines Alters entdecken, als mit einem Rechtsanwalt, der in einer Luxuslimousine bei mir vorbei fährt, mit dem Bauern, der in der Nachbarschaft seine Pferde versorgt, dem Hausmeister, der vor dem Haus den Garten pflegt oder mit der ehemaligen Mitschülerin, die derzeit arbeitslos ist.

Die Basis für interkulturelle Begegnung ist dann geschaffen, wenn uns bewusst ist, dass es unmöglich ist, alles über die/den Andere/n zu wissen und sie oder ihn zur Gänze zu verstehen. Offen bleibt die Frage:
 

„Wie kann man man selbst bleiben, ohne sich dem Anderen gegenüber zu verschließen,
und wie kann man sich dem Anderen gegenüber öffnen, ohne sich selbst zu verlieren?“

(Édouard Glissant)