Hermann-Gmeiner-Preis 2004

Quendi Appleton, Liberia


Am 19. November 2004 wurde Quendi Appleton aus Liberia, Provinz Maryland mit dem Hermann-Gmeiner-Preis ausgezeichnet. Der Preis wurde ihr in einer feierlichen Zeremonie in der Hermann-Gmeiner-Akademie in Innsbruck verliehen. "In einem Land, das von Krieg, Armut und Naturkatastrophen geprägt ist, hat Quendi ihren Weg gemacht. Sie hat nicht nur ihren Brüdern und Schwestern geholfen, sondern stand als Krankenschwester auch anderen Menschen in ihrem Land zur Seite. Mit großer Wertschätzung über das was sie erreicht hat und ihrer Einstellung zum Teilen, freue ich mich, ihr diesen Preis zu übergeben“. (Helmut Kutin, Präsident von SOS-Kinderdorf).

Die 28jährige Krankenschwester wurde dafür ausgezeichnet, dass sie in einem von Bürgerkrieg gezeichneten Land nicht nur den Weg in die Selbständigkeit fand und ihre Ausbildung als Diplomkrankenschwester abschließen konnte, sondern auch dafür, dass sie tausenden ihrer Landsleute während der Kriegswirren Hilfe anbot. „Quendi Appeltons Leben zeigt beispiel- aber auch modellhaft, was ein einzelner Mensch und jene, die helfen, wider alle Umstände erreichen können“, hieß es in der Laudatio von Josef Kittl, Regionalleiter Westafrika. Mein Dank und meine Wertschätzung gilt auch SOS-Kinderdorf Liberia, insbesondere SOS-Kinderdorf International für die ständige Unterstützung und dafür, was ich heute bin und vielen anderen, die wie ich in SOS-Kinderdorf eine Familie gefunden haben. Seien Sie versichert, dass Ihre Bemühungen dazu dienen, nicht nur mein Leben zu verbessern, sondern durch mich auch das Leben vieler anderer, direkt oder indirekt“, verspricht Quendi Appleton, die bei der Preisverleihung in Innsbruck persönlich anwesend war.


Quendi Appelton weiß, was es bedeutet, ohne Familie zu sein. Als Säugling verlor sie beide Elternteile, sie wurde mit einigen ihrer Geschwister in ein Waisenhaus gebracht, nochmals in ein anderes verschoben. Als Fünfjährige fanden sie und vier ihrer Geschwister endgültig eine neue Heimat, nämlich bei ihrer SOS-Kinderdorf-Mutter Ma Martha im SOS-Kinderdorf Monrovia/Liberia: "Die Wärme und Fürsorge, die mit den regelmäßigen warmen Mahlzeiten verbunden ist, vermittelt selbst im Alter von 28 Jahren noch ein sentimentales Gefühl. Je mehr Liebe sie gab, desto freier wurde ich und umso freier begann ich in mir selber zu wachsen.“

Es zeigte sich bald, dass Quendi Appelton eine brillante Schülerin war. Aber auch ihr Leben wurde von den Wirren des Bürgerkriegs beeinflusst. Sie musste kurz vor Abschluss die Junior High School unterbrechen: „Das zivile Leben war völlig zerstört und meine gesamte SOS-Familie wurde im örtlichen Rathaus im südlichen Stadtteil von Monrovia evakuiert. Dort suchten wir für 2 Monate Unterschlupf, unter schweren und risikoreichen Bedingungen. Wir waren von bewaffneten Männern umgeben. Das Leben war ein Elend. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir die Rolle der Mütter und Väter im SOS-Kinderdorf so richtig bewusst. Wir hielten als eine Familie zusammen, auch unter den schwierigsten Verhältnissen“.

Auch nachdem die Evakuierten wieder in ihr SOS-Kinderdorf Monrovia zurückkehren konnten, spiegelte sich der Bürgerkrieg in ihrem Alltag: Es fehlte am Nötigsten, an Essen, an Medikamenten. Quendi Appelton litt darunter, dass sie den Menschen nicht wirklich helfen konnte, so gerne sie es auch wollte. Ihr Berufswunsch Krankenschwester wurde in dieser Zeit der Hilflosigkeit geboren.

Nachdem sie die Schule abschließen konnte, verfolgte sie zielstrebig dieses Ziel, 2001 legte sie cum laude ihre Abschlussprüfung als Krankenschwester ab, nächstes Jahr wird sie den „Bachelor of Science Degree in Nursing“ erhalten.

Ihre Feuerprobe als Krankenschwester bestand sie bereits letztes Jahr. Josef Kittl: “Als 2003 die krisengeschüttelte Bevölkerung in Liberia den schrecklichsten Gräueltaten gegenüberstand und das Ende sicher zu sein schien, waren es sie und ein kleines SOS-Notfall-Team, die ihre Hilfe anboten und tausenden von Menschen, die ins SOS-Kinderdorf flüchteten Sicherheit gaben. Unter Kugelhagel kümmerten sie sich um die Verwundeten, gaben den Jungen und Alten zu essen, halfen bei Geburten und unterstützten die Hoffnungslosen. Inmitten von Krieg und Anarchie blieben sie standhaft und setzten ihren Dienst an der Menschheit fort.“


So gesehen hat Quendi Appelton ihr Versprechen bereits einzulösen begonnen, nämlich dass sie die Hilfe, die sie durch SOS-Kinderdorf erfahren hat, selbst wieder weitergeben wird - als einen Schritt Richtung Frieden in ihrer krisengeschüttelten Heimat.